Blog

Statue - Erinnerung & Gedächtnis

Erinnerung & Gedächtnis – Glaub nicht alles was du denkst

Warnung! Das Lesen dieses Artikels könntet dazu führen, dass du in Zukunft beim Hören oder Aussprechen des Satzes “ich kann mich noch genau erinnern” leicht amüsiert reagieren könntest. Nimms leicht oder es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird!

Das Gedächtnis ist keine Festplatte

Du kennst vermutlich den Vergleich zwischen Gedächtnis und der Festplatte. Dieser Vergleich ist zwar nett gemeint, zeigt jedoch wie wenig Kenntnis die Allgemeinheit über die Funktionsweise unseres Gedächtnisses bzw. unserer Erinnerungen hat. Unser Hirn verhält sich eher wie Knetmasse. Denn jedes mal wenn wir Erinnerungen abrufen verändern wir sie zugleich, insbesondere wenn wir anderen davon erzählen. Genauso wie Knetmasse führt jede Berührung zu einer kleinen oder größeren Veränderung. So werden zum Beispiel Informationen die fehlen ergänzt oder durch eine schönere Darstellung in einer Erzählung nicht so schöne Erinnerungen „überschrieben“.

Als ich das erste mal davon gelesen hab, war ich zum einem erstaunt und gleichzeitig erleichtert. (Ob es wirklich so war, ist eine andere Frage.) Da mir über Jahre mehrmals diverse “Erinnerungsfehler” bei mir selbst aufgefallen sind. Nachdem ich das Buch Seven Sins of Memory von Daniel Schacter gelesen hatte wurde mir klar, es ist ganz normal und es passiert jedem. Erst dann wurde mir auch klar, dass so manche Person, die ich als Lügner, Täuscher oder Idiot bezeichnet hatte, wohl einfach nur ganz normale „Erinnerungsänderung“ hatte.

Persönliche Erfahrungen mit „Erinnerungsänderungen“

Ich habe zwei Beispiele aus meiner frühen Studienzeit. Die Ironie ist, nachdem ich diese Geschichten aus dem Gedächtnis schreibe ist durchaus möglich, dass sie sich anders zugetragen haben…

Mein erste Erinnerungsänderung fand nach einem Autounfall statt. Der „Unfallgegner“ war ein größeres Auto „ähnlich einem X5 von BMW“ so erzählte ich es damals, aber vermutlich wurde es irgendwann ein „X5″. Denn als ich Wochen später die Fotos vom Supermarkt geholt hatte (noch ohne Digicam), musste ich voller Erschrecken feststellen, dass es kein X5 war und nicht einmal ein BMW…

Aber unser Hirn verändert nicht nur Details, es fügt auch neue Informationen hinzu. So ist es durchaus möglich, dass wir plötzlich Ereignisse bildlich erinnern können, die wir niemals gesehen haben. Dieser Prozess kann natürlich auch von außen durch suggestive Fragen unterstützt werden, so wurde in einem Experiment Menschen gefragt, ob sie sich an die Bilder von einem bestimmten Flugzeugabsturz erinnern konnten. Eine große Menge der Menschen gab an ja und konnte auch Bilder beschreiben. Das Problem dabei ist nur, dass es von diesem Absturz keine Bilder gab…

Gründe für unsere „flexible Erinnerung“

Unsere „flexible Erinnerung“ erfüllt verschiedene Aufgaben. Zum einen dient sie dazu, dass wir Situationen einfach neu bewerten und so unser Leben angenehmer weiterleben können. Dies wird von Professor Richard Wiseman auch als eine der zentralen Fähigkeiten für Glück angeführt. Ebenso dient es zur Reduktion von kognitiver Dissonanz. Im wesentlichen kann man sagen, dass unsere Erinnerung als Hauptaufgabe hat unsere eigene Identität zu unterstützen, d.h. alles was nicht mit unserem aktuellen Selbstbild einhergeht wird leichter vergessen oder relativiert. So gesehen verfügt unser Gedächtnis über einen Ausscheidungsprozess. Traumatisierte Personen sind auch dadurch gekennzeichnet, dass sie gewisse Erinnerungen einfach nicht vergessen können bzw. nicht in ihr Leben integrieren können.



Überschreiben von Erinnerungen durch Filme

Ebenso können Filme oder Dokumentationen vorhandene Erinnerungen ergänzen bzw. „überschreiben. So wurde öfters dokumentiert, dass Weltkriegsveteranen und andere Zeitzeugen Situationen beschreiben, wo sie nicht anwesend sein konnten. Die wohl groteskeste Szene dürfte sich vor ein paar Jahren abgespielt haben, als es bei einem Veteranen-Treffen zu einem Eklat kam. Zwei Veteranen behaupteten sie wären beide im letzten Flugzeug aus Stalingrad gewesen… aber keiner kannte den anderen, daher bezichtigten sich beide gegenseitig der Lüge. Womöglich dachte jeder es war das letzte Flugzeug, aber vielleicht war keiner von beiden jemals in Stalingrad. Merke, das Gedächtnis kann teilweise ne ziemliche Sau sein und manchmal sollte man Schweine einfach im Dreck wühlen lassen.


… also in diesem Sinne, glaub nicht alles was du denkst… lache lieber darüber, genieße den Tag und schreib bei Gefallen nen Kommentar!

Weiterführende Informationen und Quellen zu diesem Thema

Daniel Schacter: Aussetzer – Wie wir vergessen und uns erinnern

Richard Wiseman: So machen Sie Ihr Glück – Wie Sie mit einfachen Strategien zum Glückspilz werden



Daniel Schacter: Seven Sins of Memory – How the Mind Forgets and Remembers

Martina Keller: Das ganze Leben ist eine Erfindung

Anrea Schuhmacher: Das betrogene Ich

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen